„Manche sagen so, Andere sagen so.“ Wer in Rheinhessen unterwegs ist, wird diesen eigensinnigen Ausspruch früher oder später zu hören bekommen. Im Weinjahr 2021 war das besonders oft der Fall, denn was so manchem Jungwinzer nach drei heißen Jahren sehr ungewöhnlich vorkam, war für die alten Hasen ein recht normales Jahr. Auf jeden Fall waren die Faktoren für gesunde Trauben besonders vielfältig und zu mancher Jahreszeit fast schon ein Glücksspiel.

Winter

Mit einem fabelhaften 20er Jahrgang im Keller starteten wir entspannt und voller Tatendrang ins neue Jahr.

Der ertragsreduzierende Rebschnitt hatte uns 2020 vor massivem Trockenstress bewahrt und sich als gute Entscheidung herausgestellt, weshalb wir auch beim Rebschnitt 2021 so weit wie möglich darauf achteten, Überkreuzungen von Reben und zu hohe Dichte zu vermeiden. Im Weinjahr 2021 sollte uns das auf ganz andere Art helfen, aber dazu später mehr.

Im Januar und Februar gab es viele schöne und abwechslungsreiche Tage während des Rebschnitts. Mal bei mäßigen Temperaturen in der Sonne und mal mit Mütze in romantischen Winterlandschaften.

Der Winter war ein wenig kälter als in den Vorjahren. Der deutlichere Unterschied zu 2018 bis 2020 zeigte sich dann aber schon mit wesentlich häufigeren und kräftigeren Niederschlägen im März und April. Temperaturspitzen um 28° sollte es 2021 erst im Mai und nur sehr vereinzelt geben. Im Vorjahr waren die Winterjacken bereits Wochen vorher wieder eingemottet worden.

11. Januar, Heerkretz
3. Mai, Goldenes Horn

Frühling

Der Frühling im Weinberg begann mit dem Schwellen der Knospen spät im April. Die Entfaltung der ersten Blätter war Anfang Mai und damit fast einen ganzen Monat später zu beobachten als 2020. Um Frostschäden brauchten wir uns entsprechend nicht zu sorgen, denn die späten Fröste waren im Vergleich zur Vegetation eher früh.

Der Weingarten, in dem wir unsere Gäste in entspannter Athmosphäre begrüßen, fiel trotz der vielen Niederschläge erstaunlich selten komplett ins Wasser, den neuen Sonnenschirmen (in diesem Jahr eher als Regenschirme im Einsatz) sei Dank. Einmal räumten wir aber die gerade erst dekorierten Tische wegen des Starkregens wieder ab – im Neoprenanzug vom letzten Surf-Urlaub.

Fast den gesamten Wonnemonat hindurch dümpelten die Temperaturen bei unter 20°C herum und die Niederschläge waren mäßig, aber häufig. Nach den trockenen Vorjahren war das zu diesem Zeitpunk noch sehr willkommen. Der trockene Boden konnte sich erholen und das durchmischte Wetter sorgte nicht nur für rebsorten- sondern auch lagen- und ortsspezifische Unterschiede. Bis in den Sommer hinein war die Situation entspannt und viele Arbeitsschritte konnten zeitversetzt durchgeführt werden.

Ebenfalls zeitversetzt füllten wir zu dieser Zeit den 2020er Jahrgang auf die Flaschen. Für ein kleines Weingut ist eine gebündelte Abfüllung immer eine Mammutaufgabe mit vielen Stolperfallen. Wir füllten also einen Teil Mitte Mai, einen Teil Ende Mai und erst Anfang Juni unsere Barrique-Weißweine. Etwas entspannter als sonst und mit einem Flaschenlager voller großartiger Weine starteten wir dann in die Sommermonate.

15. Mai, Schlosshölle
24. Juni, Schlosshölle

Sommer

Der späte Start, die moderaten Temperaturen und üppigen Niederschläge ließen die Laubwände im Juni explosionsartig wachsen. Entsprechend des feuchten Wetters und des dichter werdenden Bewuchses stieg auch der Krankheitsdruck. Der Fortschritt in den Einzellagen war sehr unterschiedlich, aber schnell. Während in einigen Weinbergen also eilig die Triebe geheftet wurden, wurde andernorts schon zum ersten Mal entlaubt um die Luftzirkulation im feucht-warmen Klima zu verbessern.
Die Weingarten-Saison blieb durchwachsen und wir freuten uns umso mehr über die positive Resonanz und allen Schauern zum trotz ausgebuchte Tage. Warme und sonnige Tage, wie auf dem Bild vom 11. Juni zu sehen, waren dennoch eher selten.

Die ergiebigen Niederschläge, die bis hierhin noch willkommener waren als die vergangenen trockenen Jahre, schlugen Mitte Juli um in eine entsetzliche Katastrophe. Das Jahr 2020 zeigte seine grausamste Seite und schnell machten Hilferufe und furchtbare Bilder von Kollegen und Freunden in Überflutungsgebieten die Runde. Diejenigen, die wie wir verschont blieben, halfen wo und wie es ging. Aber es reicht noch lange nicht, denn leider ist das Schicksal der Betroffenen recht schnell wieder aus der öffentlichen Wahrnehmung gerutscht. Es wird immer noch Hilfe benötigt und jeder der ein paar Euro oder etwas Zeit übrig hat sollte etwas spenden oder sich als Helfer registrieren.

11.06., Goldenes Horn
19. Juli, Schlosshölle

Das geht z.B. hier https://www.ahrtal.de/ahrwinzer-hilfe oder hier https://www.aktion-deutschland-hilft.de/de/lp-hochwasser-deutschland/

Herbst

Mit dem August kam Reife in die Weinberge und die lang ersehnten Sommertage gab es letztlich doch noch, zumindest in unserer kleinen Oase hinter den schützenden Wetterschneisen. Feucht blieb es trotzdem. Die im vorangegangenen Jahr noch willkommenen Sonnenschirmchen, das Laub über den Trauben, wären 2021 zum Brutherd für Pilzinfektionen und Kirchessigfliegen geworden. Alle Schafe hatten volle Terminkalender, wir haben also nochmals maschinell, aber auch händisch für Belüftung und Sonne gesorgt.

Aufgrund dieser Maßnahme, aber auch wegen der reduziert geschnittenen Reben und Hans-Joachims glücklichem Händchen für den Pflanzenschutz, reifte der Großteil unserer Trauben gesund heran und profitierte dank der späten Entwicklung von warmen und sonnigen Septembertagen. Die 21er Trauben bekamen eine enorme Aromenvielfalt bei moderaten Zucker- und angenehmen Säurewerten. Optimismus machte sich breit.

Es wartete aber noch viel Arbeit auf uns. Durch Luisa, die in diesem Jahr ihr Praktikum zur Vorbereitung auf das Studium Weinbau und Oenologie in Geisenheim bei uns absolvierte, hatten wir dankenswerterweise zwei weitere, sehr engagierte Hände im Einsatz, ohne die so viel Aufwand nur schwerlich zu bewältigen gewesen wäre. Denn nachdem alle Vorbereitungen im Keller abgeschlossen waren, wurde im Weinberg wortwörtlich jede Traube beurteilt, um das Potential des 21er Jahrgangs nicht durch kranke und faule Trauben zu verschenken. Glücklicherweise hatte sich die im Sommer festgestellte unterschiedliche Reife der einzelnen Lagen durchgezogen, sodass die errechneten Lesezeitpunkte je nach Rebsorte und Einzellage weit auseinander lagen. Deshalb, und weil die niedrigen Temperaturen eine Lese auch tagsüber ermöglichten, blieb uns wesentlich mehr Zeit als in den Vorjahren. So viel, dass wir neben der kritischen Vorselektion noch Zeit für mehrere Herzensprojekte hatten.

Entblätterter Spätburgunder, Goldenes Horn
28. September, Weißburgunder Schlosshölle

Das Erste war die Handlese unseres jüngsten Weinbergs, dem Weißburgunder in der Gumbsheimer Schlosshölle. Er reifte in seiner sonnigen und gut belüfteten Lage früh und hatte dabei beachtliche Mengen Edelfäule gebildet. Die gesunde Botrytis lässt die Zucker- und Extraktwerte in die Höhe schnellen und fürdert komplexe Aromatik auch in Weinen aus jungen Reben. Wir prüften aufgrund der Witterung dennoch jede Traube akribisch auf ihre Gesundheit und verbrachten einen gesamten, aber wunderbaren Tag im jungen Weißburgunder. Aussortiert wurde erstaunlich wenig und wir freuen uns auf kommende Jahrgänge aus diesem vielversprechenen Weinberg.

Das nächste Projekt war die Lese eines Lagen-Sektgrundweins aus der Heerkretz. Die gesunden dritten Trauben die wir im vergangenen Jahr bei der Grünen Lese noch auf den Boden, geschnitten hatten um die Reife und den Extrakt in die ersten Trauben zu bringen, wird jetzt als Sektgrundwein ausgebaut und geht 2022 in die Flaschengärung. Die Bedingungen dafür waren perfekt, denn wir ernteten 100% gesunde und physiologisch reife Trauben mit hohen Säurewerten, deren Lese gleichzeitig noch die Qualität des Lagen-Rieslings steigerte.

In einem unserer ältesten Weinberge, dem 47-jährigen Silvaner am Nußbaum, schlug sich das feuchte Jahr besonders nieder. Die wuchskräftige Rebsorte wucherte an vielen Stellen trotz der Entblätterung so sehr, dass sich an vielen Stellen faule Trauben fanden. Die gesunden Exemplare waren jedoch so schmackhaft, dass wir uns dazu entschieden dem Weinberg die letzte Ehre zu erweisen und in diesem Jahr einen handgelesenen Lagen-Silvaner im Barrique auszubauen. Paul begeisterte seine Familie für die Aktion und trotz der Verstärkung waren wir einen ganzen Tag mit Handlese und Selektion der Trauben beschäftigt.

Um den Heerkretz-Riesling, den wir besonders schätzen, auch langfristig zu erhalten, starteten wir 2021 mit einem Selektionsbuch und schnitten alte und kranke Rebstöcke soweit herunter wie sie noch gesund waren oder entfernten sie um ggf. in den kommenden Jahren nachzupflanzen, wenn sich aus dem bestehenden Wurzelwerk keine neuen Triebe nachziehen lassen. Kranke Stöcke zu erkennen ist im Herbst mit reifenden Trauben besonders leicht, da sie keine oder nur wenige gesunden Trauben ausbilden können.

02. Oktober, Heerkretz
Pino bewacht Pinot-Trauben, Goldenens Horn

Auch das letzte Projekt kam dem Lagen-Riesling zugute. Um etwas mehr geschmackliche Auswahl und etwas weniger Risiko bei der Vergärung ohne Reinzuchthefen, also der Spontanvergärung, des Lagen-Rieslings zu bekommen, ließen wir eingemaischte Trauben in drei verschiedenen Einmachgläsern schon im Weinberg angären. Die Trauben dazu nahm Luisa aus drei unterschiedlichen Sektionen des Weinbergs und ließ sie auch genau dort angären. Bei der späteren sensorischen Prüfung entschieden wir uns für zwei der drei Ansätze und gaben Sie dem Riesling-Most als Gärstarter hinzu. Der Wein gärte schneller an als im letzten Jahr und auch kontinuierlicher durch.

Jahrgangs-Fazit

Das Reifen im Kühlen brachte aromatische, fruchtige Weine hervor. Die moderaten Temperaturen haben auch die Zucker-, und damit die Alkoholwerte in den trocken ausgebauten Weinen, sowie die frische Säure erhalten, für die unsere Cool-Climate-Weine stehen. Unser Anspruch ausschließlich gesunde Trauben in den Keller zu bringen war mit enormen Arbeitsaufwand und Ertragsverlust verbunden. Die Rotweinsorten wurden massiv selektioniert, ebenso wuchskräftige Weißweinsorten. Bei der Verarbeitung sind wir dabei noch schonender vorgegangen und haben zum Beispiel beim Transport und beim Pressen der Trauben weniger Druck ausgeübt, um das Risiko zu phenolischer Weine zu reduzieren.

Die Lese dauerte entsprechend der langsameren Reife fast doppelt so lang wie im letzten Jahr, dennoch waren wir jeden einzelnen Tag während der dreieinhalb Wochen rund um die Uhr beschäftigt. Die Nächte waren ruhiger, ansonten wäre der Marathon nicht durchzuhalten gewesen. Das Ergebnis ist, zumindest für die Freunde eleganter und feinfruchtiger Weine, noch begeisternder geworden. Der Keller duftet zum Jahresende nach Blumen und Früchten. Die Gärung läuft wegen der kalten Temperaturen gezügelter. Schon ohne Kostprobe ist die Flora ein Genuss.

Eine Probe der Weine entschädigt dann für jede einzelne Arbeitsstunde. Sortentypizitäten treten stark in den Vordergrund und die Charakteristika der Lagen überlagern nicht, auch wenn sie klar erkennbar bleiben. Wo die vergangenen Jahrgänge wegen der Trockenheit teils von der Lage und der Kraft der Böden dominiert wurden, sind nun vermehrt auch ausbautypische Merkmale im Vordergrund. Unser gesundes Lesegut ermöglichte uns einen noch reduzierteren Ausbau und längere Lagerung auf der Vollhefe. Weniger Trauben pro Stock konzentrieren die besondere Aromatik der kühlen Reife. Das kalte Lesegut und niedrige Temperaturen nach der Lese ermöglichte eine kontrollierte und langsame Gärung unter natürlichen Bedingungen und ohne Einsatz von Kühlung.

Die Rieslinge profitieren enorm von dem etwas typischeren Klima des 2021er Jahrgangs und präsentieren sich mit außergewöhnlicher Vielfalt und Frische. Bouquet-Rebsorten zeigen Ihre gewohnt blumigen Noten und verhalten sich etwas gediegener und dennoch spannend, einfach fröhlich und trinkfreudig. Die Burgundersorten sind weniger opulent, dafür etwas filigraner und eleganter, sehr elegant. Bei den Rotweinen steht weniger die kräfitgen Noten im Vordergrund und dafür eine sehr einladende Frucht.

Insgesamt dominieren feinfruchtige statt wuchtige Weine den 21er Jahrgang. Rund und saftig kommen sie daher. Ausnahmen darf und wird es dennoch geben, und wir freuen uns jetzt schon darauf, sie euch zu präsentieren.